44 Jahre Dreschflejel

Oder: Wie aus einem Kirmesbaum eine ziemlich lange Geschichte wurde

Manche Vereine werden gegründet, weil ein paar Menschen eine große Vision haben.

Andere entstehen, weil plötzlich niemand mehr da ist, der einen Kirmesbaum tragen kann.

Bei uns war es eher die zweite Variante.

Wir schreiben das Jahr 1979.

Der Jahrgang 1962 war an der Reihe, die Kirmes auszurichten. Und zu einer richtigen Kirmes gehörte damals nicht nur Musik, Bier und gute Laune, sondern vor allem ein ordentlicher Kirmesbaum.

Eigentlich sogar zwei.

Denn sowohl beim Wilhelm Fornof als auch beim Adolf Neu wurde ein Baum gestellt.

Und so ein Kirmesbaum wurde nicht bequem auf einen Anhänger gelegt, durchs Dorf gefahren und anschließend mit technischem Gerät in die Senkrechte gebracht.

Nein.

Ein Kirmesbaum musste getragen werden.

Geschultert.

Ins Dorf hinein.

Alles andere hätte dem Baum vermutlich nicht den gebührenden Respekt entgegengebracht.

Dabei galt eine einfache Regel:

Je höher, desto besser.

Wobei die Höhe des Baumes ungefähr im gleichen Verhältnis stieg wie bei dem einen oder anderen Beteiligten die Zweifel, ob das Ganze wirklich eine gute Idee war.

Das Problem war nur:

Der Jahrgang 1962 bestand aus gerade einmal zehn Männern.

Zehn Männer reichen für vieles.

Für eine Skatrunde sogar mehrfach.

Für zwei stattliche Kirmesbäume war das allerdings eine eher optimistische Personalplanung.

Also holte man den Jahrgang 1963 dazu.

Der brachte noch einmal acht Mann auf die Waage.

Damit standen plötzlich achtzehn junge Männer zur Verfügung.

Der demografische Wandel hatte damals noch keinen Namen, kein Förderprogramm und keinen eigenen Ausschuss.

Aber in Niedershausen konnte man ihn bereits am Kirmesbaum erkennen.

Heute würde man für das Ganze vermutlich erst eine Arbeitsgruppe gründen, eine Gefährdungsbeurteilung erstellen, einen Sicherheitsbeauftragten ernennen, die Tragfähigkeit der Schulterpartien prüfen und anschließend in Brüssel anfragen, ob ein Kirmesbaum möglicherweise unter die europäische Lastenheberichtlinie fällt.

1979 sagte einer einfach:

„Packt an.“

Und sie packten an.

So einfach war es damals.

Zwei Jahre lang.

Eigentlich hätten sie danach sagen können:

Jetzt sind die nächsten dran.

Das Problem war nur:

Die nächsten waren nicht besonders viele.

Der Pillenknick hatte offenbar auch Niedershausen gefunden.

Und was der Pillenknick noch übrig gelassen hatte, gehörte zum Teil bereits jener Generation an, die später unter dem wenig schmeichelhaften Begriff „Null-Bock-Generation“ geführt wurde.

Das muss man natürlich nicht überbewerten.

Aber wenn zu wenig Leute da sind und die wenigen möglicherweise gerade keinen Bock haben, bleibt ein Kirmesbaum erstaunlich zuverlässig liegen.

Also standen die Jahrgänge 62 und 63 irgendwann vor einer folgenreichen Entscheidung:

Entweder man lässt die Sache langsam einschlafen.

Oder man macht einfach weiter.

Sie machten weiter.

Ob das damals eine vernünftige Entscheidung war, darüber kann man streiten.

Dass sie Folgen hatte, steht fest.

Denn aus jungen Männern, die eigentlich nur ein paar Kirmesbäume schleppen sollten, wurde nach und nach eine feste Gemeinschaft.

Man organisierte.

Man half.

Man feierte.

Man stritt.

Man vertrug sich wieder.

Man schleppte vermutlich noch mehr Dinge.

Und man stellte fest, dass eine Gruppe Männer, die regelmäßig zusammenarbeitet, irgendwann automatisch anfängt, Regeln aufzustellen.

Das ist der Moment, an dem aus einer Clique entweder ein Verein oder eine Eigentümerversammlung wird.

Wir hatten Glück.

1982 wurde daraus ein Verein.

Und heute, 44 Jahre später, muss man sagen:

Aus diesem Kirmesbaum ist etwas entstanden, womit damals vermutlich keiner gerechnet hat.

Wer nach 44 Jahren noch immer glaubt, die Dreschflejel seien im Grunde ein paar ehemalige Kirmesburschen mit alten Geräten, der hält vermutlich auch den Kölner Dom für eine etwas größere Dorfkirche.

Denn inzwischen ist daraus ein gutes Stück Niedershäuser Dorfgeschichte geworden.

Unser Name „Nirrerschäuer Dreschflejel“ klingt zunächst einmal so, als müsse man beim Eintritt mindestens wissen, wie man eine Sense dengelt, einen Leiterwagen repariert und eine Kuh ohne Bedienungsanleitung melkt.

Das ist nicht zwingend erforderlich.

Der Dreschflegel ist ein altes landwirtschaftliches Arbeitsgerät.

Und genau diese alten Geräte gehören zu unserer Geschichte.

Fegmühlen.

Zentrifugen.

Saatmaschinen.

Leiterwagen.

Werkzeuge.

Und allerlei Dinge, vor denen ein junger Mensch heute steht und zunächst fragt:

„Was ist das denn?“

Worauf ein älteres Vereinsmitglied antwortet:

„Damit ham mer früher geschafft.“

Darauf folgt meistens die zweite Frage:

„Und wie geht das?“

Und spätestens jetzt hat man verloren.

Denn dann beginnt eine Erklärung.

Manchmal eine sehr lange.

Ein altes landwirtschaftliches Gerät besitzt nämlich eine erstaunliche Eigenschaft:

Es bringt Menschen miteinander ins Gespräch.

Plötzlich steht ein Siebzehnjähriger neben einem Siebzigjährigen.

Der eine weiß, wie man ein Video schneidet.

Der andere weiß, wie man ein Gerät repariert, das gebaut wurde, lange bevor überhaupt jemand daran gedacht hat, dass Menschen eines Tages Videos schneiden würden.

Der eine sucht bei einem Problem zuerst im Internet.

Der andere sucht einen Hammer.

Erstaunlicherweise kommen beide häufig zum Ziel.

Und irgendwann stellen beide fest:

So unterschiedlich sind wir gar nicht.

Dann war da beispielsweise noch der berühmte „Langbaam“.

Über dessen Sinn, Zweck und fachgerechte Verwendung diskutierten Alt und Jung einst in der Kneipe mit einer Ernsthaftigkeit, bei der ein zufälliger Besucher hätte glauben können, es gehe um die Wiedervereinigung Deutschlands.

Dabei ging es um ein altes landwirtschaftliches Gerät.

Aber genau darin liegt vielleicht eines der Geheimnisse unseres Vereins:

Ein Stück altes Holz schaffte etwas, woran Fernsehen, Computer und später auch Smartphone und soziale Medien nicht immer erfolgreich waren.

Junge und Alte redeten miteinander.

Nicht übereinander.

Miteinander.

Und sogar freiwillig.

Hier treffen Generationen aufeinander.

Nicht bei einem pädagogisch geplanten Projekt mit dem Titel „Jung trifft Alt“.

Sondern einfach so.

Beim Arbeiten.

Beim Feiern.

Beim Backen.

Beim Erzählen.

Beim gemeinsamen Erleben.

Und gelegentlich beim gemeinsamen Unsinnmachen.

Auch das ist schließlich generationsübergreifend möglich.

Bei uns gibt es Jugendliche, Berufstätige, Handwerker, Angestellte, Rentner und Menschen, deren beruflicher Werdegang vermutlich mehr Aktenordner gefüllt hat, als unsere Hütte Bretter besitzt.

Menschen aus Politik und Verwaltung gehören genauso dazu.

Vom Landrat bis zum Landtagsabgeordneten waren und sind Menschen verschiedener politischer Richtungen dabei.

Und das funktioniert erstaunlich gut.

Denn spätestens wenn ein schwerer Tisch von A nach B getragen werden muss, verlieren ideologische Grundsatzfragen schlagartig an Bedeutung.

Dann gibt es nämlich nur noch eine politische Richtung:

Mit anpacken.

Da ist links.

Da ist rechts.

Und da ist das schwere Ende.

Wer danebensteht und erklärt, wie es besser gehen könnte, bekommt meistens genau dieses Ende.

Auf diese Weise haben wir politische Meinungsverschiedenheiten schon öfter schneller gelöst als manches Parlament.

Und sogar zwei Pfarrer haben wir in unseren Reihen.

Beide haben unabhängig voneinander sinngemäß einen Satz geprägt, der besser beschreibt, was dieser Verein für Niedershausen bedeutet, als es jede Festschrift könnte:

„Ohne die Dreschflejel ist die Welt in Niedershausen nicht vorstellbar.“

Wenn ein Pfarrer so etwas sagt, sollte man aufmerksam werden.

Wenn zwei Pfarrer es unabhängig voneinander sagen, kann man zumindest nicht mehr ausschließen, dass höhere Stellen informiert sind.

Pfarrer beschäftigen sich schließlich beruflich mit Fragen größerer Tragweite.

Und vielleicht haben sie sogar recht.

Denn die Dreschflejel stehen heute an vielen Stellen dort, wo im Dorf etwas geschieht.

Zum Beispiel beim Erntedankfest.

Ein Fest, bei dem es um Dankbarkeit, Ernte, Heimat, Gemeinschaft und um Dinge geht, die man nicht bei Amazon bestellen und am nächsten Morgen vor die Haustür legen lassen kann.

Wir gestalten es mit.

Nicht als folkloristische Dekoration, die nach Veranstaltungsende wieder in den Schrank geräumt wird.

Sondern weil Landwirtschaft, Ernte und alte Handwerkstechniken zu unserer Geschichte gehören.

Tradition bleibt nämlich nur lebendig, wenn Menschen sie tatsächlich leben.

Sonst wird irgendwann alles mit einem kleinen Schild versehen und steht im Museum.

Dazu sind wir entschieden zu unruhig.

Das gilt auch für unser Backhaus.

Das Backes.

Wir betreiben es.

Wir heizen es an.

Wir backen.

Wir zeigen, wie Brot entstand, bevor jemand auf die Idee kam, es könne vier Wochen haltbar sein, müsse dafür in Plastik eingeschweißt werden und dürfe geschmacklich trotzdem nur entfernt an Brot erinnern.

Am Backes passiert etwas Merkwürdiges.

Kinder stehen vor dem Feuer.

Erwachsene daneben.

Die Älteren erzählen.

Die Jüngeren fragen.

Holz knackt.

Der Ofen wird heiß.

Und irgendwann riecht es nach frischem Brot.

Spätestens dann sind sich plötzlich sämtliche Generationen einig.

Es gibt offenbar Probleme, für die man keinen Workshop, keinen Moderator und keine PowerPoint-Präsentation braucht.

Manchmal reicht ein Holzofen.

Dann gibt es unsere Hütte.

Offiziell ist es unser Vereinsheim.

Aber kein Mensch sagt Vereinsheim.

Es ist die "Hütte".

Mehr muss man eigentlich nicht wissen.

Sie ist komplett aus und mit Holz gebaut.

Von Menschen, die sich beim Bau vermutlich öfter über Millimeter, Winkel, Balken und darüber gestritten haben, wie man etwas „richtig“ macht.

Denn wenn zwei Handwerker sagen:

„Das machen wir so“,

existieren erfahrungsgemäß bereits drei Möglichkeiten.

Heute steht sie da.

Und sie ist viel mehr als ein Gebäude.

Innen Holz.

Außen Holz.

Wärme.

Atmosphäre.

Erinnerungen.

Geschichten.

Die Seele des Vereins scheint dort irgendwie zwischen den Balken zu wohnen.

Wenn die Hütte reden könnte, müssten manche Vereinsmitglieder vermutlich unverzüglich einen Anwalt einschalten.

Zum Glück schweigt sie.

Seit Jahrzehnten.

Diskret.

In dieser Hinsicht ist sie sozialen Medien deutlich überlegen.

Aber sie erzählt trotzdem.

In den Wänden steckt Vereinsleben.

In den Tischen stecken Abende.

Draußen hängen Sommernächte in der Luft.

Drinnen sitzen Winterabende, bei denen jemand nur kurz vorbeikommen wollte und drei Stunden später immer noch da ist.

Es gibt Orte, die sind einfach Räume.

Und es gibt Orte, bei denen man beim Reinkommen merkt:

Hier ist schon einiges passiert.

Unsere Hütte gehört eindeutig zur zweiten Kategorie.

Und deshalb sagen wir gern:

Wer unsere Hütte mietet, zahlt einen Preis.

Den Geist des Vereins bekommt er kostenlos dazu.

Der steht auf keiner Rechnung.

Er wird nicht extra ausgewiesen.

Man kann ihn auch nicht abbestellen.

Und nach der Veranstaltung wird er nicht zurückgenommen.

Vielleicht liegt es am Holz.

Vielleicht an der Atmosphäre.

Vielleicht an all den Geschichten.

Vielleicht an allem zusammen.

Man merkt ihn spätestens dann, wenn man am Abend sagt:

„So, jetzt gehen wir aber.“

Und eine Stunde später immer noch sitzt.

Dann gibt es noch das Gaasefest.

Für Nicht-Niedershäuser übersetzen wir sicherheitshalber:

das Ziegenfest.

Alle zwei Jahre verwandelt sich Niedershausen in einen Treffpunkt für Ziegenzüchter aus ganz Hessen.

Wer jetzt glaubt, ein Ziegenfest könne nicht besonders aufregend sein, hat entweder noch nie eines erlebt oder besitzt zu wenig Fantasie.

Denn wenn Ziegenzüchter aus ganz Hessen, Ziegen, Besucher, Essen, Getränke, Dorfleben und Dreschflejel gleichzeitig aufeinandertreffen, hat jeder vernünftige Veranstaltungsplan irgendwann nur noch beratende Funktion.

Natürlich geht es beim Gaasefest um Ziegen.

Zumindest am Anfang.

Später geht es um Menschen.

Und Menschen haben gegenüber Ziegen einen entscheidenden Vorteil:

Sie können hinterher Geschichten erzählen.

Wobei bei der einen oder anderen Geschichte nicht völlig auszuschließen ist, dass die Ziege als Zeugin glaubwürdiger gewesen wäre.

Auch beim Gaasefest entstanden Geschichten, die längst zu Legenden geworden sind.

Geschichten, bei denen einer heute nur sagen muss:

„Weißt du noch beim Gaasefest …“

und fünf andere bereits lachen, bevor der Satz überhaupt beendet ist.

Einer schüttelt den Kopf.

Ein anderer schaut plötzlich auffällig konzentriert in sein Getränk.

Und der Neue fragt:

„Was war denn da?“

Dann kommt jene Antwort, die in einem traditionsreichen Verein fast immer auf eine wirklich gute Geschichte schließen lässt:

„Ach, nix.“

Wer diesen Satz hört, kann ziemlich sicher sein:

Es war irgendwas.

Und wahrscheinlich war es hervorragend.

Wenn eine Geschichte keinen vollständigen Satz mehr braucht, um Gelächter auszulösen, hat sie ohnehin den Status einer Legende erreicht.

Überhaupt:

Geschichten.

Wir besitzen inzwischen genügend davon für mehrere Bücher.

Eigentlich müsste man sie dokumentieren.

Nicht nur die Vorstände.

Nicht nur Termine.

Nicht nur Jahreshauptversammlungen.

Die stehen irgendwo auf Papier und sind im Zweifelsfall sogar lesbar.

Dokumentieren müsste man das wirkliche Leben.

Die Menschen.

Die kleinen Katastrophen.

Die großen Erfolge.

Die Arbeitseinsätze.

Die Ideen.

Die Ideen, die man besser nicht gehabt hätte.

Die Hütte.

Das Backes.

Das Erntedankfest.

Das Gaasefest.

Die Kirmes.

Und selbstverständlich unsere Ausflüge.

Über manche müsste man eigentlich schweigen.

Nicht, weil etwas Verbotenes passiert wäre.

Zumindest ist uns nichts bekannt.

Und selbst wenn: Nach 44 Jahren wäre die Beweislage schwierig.

Sondern weil sich manche Geschichten über die Jahrzehnte so stark verselbständigt haben, dass heute niemand mehr mit letzter Sicherheit sagen kann, was wirklich passiert ist, was später ergänzt wurde und was inzwischen als historische Tatsache gilt, obwohl damals nur drei Leute dabei waren und zwei davon sich heute nicht mehr erinnern können.

Fest steht:

Wir sind gemeinsam weggefahren.

Und meistens auch gemeinsam wiedergekommen.

Für einen Vereinsausflug ist das zunächst eine ausgezeichnete Bilanz.

Dazwischen lagen allerdings Erlebnisse, aus denen andere Leute mindestens einen Kinofilm, drei Fernsehstaffeln und eine Weihnachts-Sondersendung gemacht hätten.

Da gab es Fahrten, bei denen der Reiseplan bereits kurz nach der Abfahrt nur noch empfehlenden Charakter hatte.

Wirte, die uns vermutlich bis heute kennen.

Ortschaften, in denen unser Besuch einen gewissen Eindruck hinterlassen hat.

Und Busfahrer, deren Gesichtsausdruck sich im Verlauf eines Wochenendes sichtbar verändern konnte.

Morgens:

Zuversicht.

Mittags:

Erfahrung.

Abends:

Schicksalsergebenheit.

Natürlich hatten wir immer einen Plan.

Wir wussten, wann wir losfahren wollten.

Wir wussten meistens sogar, wo wir hinwollten.

Das war organisatorisch vollkommen ausreichend.

Alles Weitere hieß:

„Gucke mer mal.“

Und geguckt wurde.

Manchmal sehr lange.

Manchmal bis tief in die Nacht.

Es gab Situationen, bei denen selbst ein Eberhofer vermutlich seine Leberkässemmel beiseitegelegt und gesagt hätte:

„Das schau ich mir jetzt an.“

Und ein Rudi hätte sich nach solchen Fällen die Finger geleckt.

Wobei seine Ermittlungsakte vermutlich schon nach dem ersten Abend ungefähr so ausgesehen hätte:

Tatmotiv: unklar.

Tatzeit: unterschiedlich erinnert.

Zeugenaussagen: widersprüchlich.

Verdächtige: grundsätzlich gut gelaunt.

Beweismittel: vermutlich entsorgt.

Ermittlungen: zwecklos.

Denn Vereinsleben besitzt eine erstaunliche Fähigkeit:

Es produziert Situationen, auf die kein Drehbuchautor kommt.

Plötzlich steht einer irgendwo, wo er überhaupt nicht hingehört.

Einer sucht etwas, das ein anderer seit Stunden bei sich trägt.

Oder noch besser: etwas, das er selbst die ganze Zeit in der Hand hält.

Drei Mann diskutieren über den richtigen Weg, obwohl keiner weiß, wo man sich überhaupt befindet.

Dann sagt einer:

„Lasst mich mal machen. Ich hab das im Griff.“

Und jeder erfahrene Dreschflejel weiß:

Ab jetzt wird die Geschichte gut.

Das Schöne daran:

Jeder kann irgendwann selbst Teil einer solchen Geschichte werden.

Man kann zehn Jahre lang völlig unauffällig Mitglied sein.

Hilfsbereit.

Zuverlässig.

Pünktlich.

Ordentlich.

Ein tadelloser Mensch.

Dann kommt dieser eine Abend.

Dieser eine Ausflug.

Dieses eine Gaasefest.

Dieser eine Arbeitseinsatz.

Fünf Minuten Unachtsamkeit.

Und plötzlich besitzt man eine Geschichte, die einem für die nächsten zwanzig Jahre bei jeder passenden und völlig unpassenden Gelegenheit wieder erzählt wird.

Das ist keine Boshaftigkeit.

Das ist Vereinsarchivierung.

Andere Vereine führen Protokolle.

Wir haben Erinnerungen.

Und meistens mindestens einen Zeugen.

Wobei Zeugen im Laufe der Jahrzehnte nicht unbedingt zuverlässiger werden.

Dafür werden ihre Geschichten besser.

Und dann sitzt man nach so einem Ausflug morgens beim Frühstück.

Die Frisuren sind unterschiedlich erfolgreich wiederhergestellt.

Die Gesprächsbereitschaft schwankt.

Einer trinkt Kaffee.

Einer braucht zwei.

Einer sagt gar nichts.

Und gemeinsam versucht man herauszufinden, warum gestern Abend eigentlich alle so gelacht haben.

Dann fällt ein Name.

Drei lachen wieder.

Einer sagt:

„Hört uff!“

Und damit ist die Geschichte endgültig im Vereinsarchiv angekommen.

Natürlich wird längst nicht alles aufgeschrieben.

Das wäre auch leichtsinnig.

Ein guter Verein braucht Geschichten, bei denen einer nur einen Namen sagt und fünf andere lachen.

Ein Außenstehender fragt:

„Was war denn?“

Alle sagen:

„Ach, nix.“

Und damit hat er alles erfahren, was ihn etwas angeht.

Denn genau daraus besteht Vereinsgeschichte.

Nicht nur aus Papier.

Sondern aus Erinnerungen.

44 Jahre sind eine lange Zeit.

Menschen kamen dazu.

Menschen wurden älter.

Manche fehlen heute.

Und bei allem Humor gehört auch das dazu.

Denn ein Verein besteht nicht nur aus Festen, Terminen und Arbeitseinsätzen.

Er besteht aus Menschen.

Aus denen, die heute da sind.

Und aus denen, die irgendwann fehlen, aber in ihren Geschichten weiterleben.

Da sagt einer:

„Weißt du noch, wie der damals …“

Und plötzlich sitzt jemand für einen Moment wieder mit am Tisch.

Vielleicht ist genau das Tradition.

Nicht die Asche zu bewachen.

Sondern das Feuer weiterzugeben.

Den Jungen etwas zu zeigen.

Von den Jungen etwas zu lernen.

Die alten Geschichten zu erzählen.

Und gleichzeitig genug Platz zu lassen, damit neue entstehen können.

Denn ein Verein, der nur von früher erzählt, hat irgendwann keine Zukunft.

Und ein Verein, der seine Vergangenheit vergisst, weiß irgendwann nicht mehr, warum er überhaupt da ist.

Vielleicht ist das Gemeinschaft.

Vielleicht erklärt das auch den Satz unserer Pfarrer:

„Ohne die Dreschflejel ist die Welt in Niedershausen nicht vorstellbar.“

Es geht längst nicht mehr nur um einen Verein.

Es geht um einen Teil des Dorfes.

Um Menschen, die da sind.

Die mitmachen.

Die helfen.

Die etwas erhalten.

Und die dabei immer wieder Neues entstehen lassen.

Nirrerschäuer Dreschflejel e. V. 1982

44 Jahre Gemeinschaft.

44 Jahre Dorfgeschichte.

44 Jahre Backes, Hütte, Erntedank, Gaasefest, Kirmes und Ausflüge.

44 Jahre Arbeit, Freundschaft, Unsinn und Geschichten, die eigentlich längst verfilmt gehören.

Und das Beste daran:

Wir sind noch lange nicht fertig.

Wer unterschreibt, bekommt nicht einfach eine Mitgliedschaft.

Er bekommt Menschen.

Er bekommt Gemeinschaft.

Er bekommt Geschichten.

Er bekommt Erlebnisse.

Er bekommt Abenteuer.

Und mit etwas Glück bekommt er irgendwann sogar seine ganz eigene Legende – eine von denen, bei denen zwanzig Jahre später alle schon lachen, bevor er überhaupt angefangen hat zu erzählen.

Die Beitrittserklärung kostet nur eine Unterschrift.

Der Rest kann ein Leben lang halten.

Und wer unsere Hütte mietet, zahlt zwar einen Preis.

Den Geist dieses Vereins gibt es gratis dazu.

Für die Geschichten danach gilt allerdings seit 1982 eine bewährte Regel:

Wir übernehmen keine Haftung.

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